Die Hüter der Macht oder: was passiert, wenn ich mich verlaufe

Collage: Su Purol (Ars Textrendi) thanks to pixabay.com

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Su Purol (Ars Textrendi)
thanks to pixabay.com

Mein Liebster fragte mich am Hörer, ob ich nicht Lust hätte, an dem 5-km-Staffellauf der Berliner Wasserbetriebe im Tiergarten teilzunehmen. Um mich von meiner spontanen Seite zu zeigen, flötete ich begeistert: „Klar.“

Was ich nach dem Auflegen spontan bereute.

1. Ich kannte die Staffelgruppe, in der ich laufen sollte, nicht. Und neige zum fremdeln.

2. Meine Laufzeiten sind eher der schwerfälligen Dynamik zuzuordnen.

3. Bei solch einem Lauf geht es um

4. Zeit

5. Die anderen sind alles gestandene, besser: gelaufene Marathon-Experten.

Ein Rinnsal von Schweißperlen, taktloses Herzstolpern und Tremolo-Hände ließen mich fieberhaft nach einer glaubwürdigen Ausrede suchen: „Mir muss ein Zahn amputiert werden“, „beim Kochen hat sich ein Messer in meinem Fuß verfangen“, „ich bin schmerzhaft über ein Wildschwein gestolpert“.

Nix da mit Ausreden

Da mein Liebster in den Folgetelefonaten meine Zweifel, die ich vorsichtig äußerte („ich kann das nicht, ich schaff das nicht, die sind alle viel schneller, ich werde mich blamieren“) intuitiv erfasste, beauftragte er kurzer Hand den Mannschaftsführer, mich anzurufen.

Dieser schritt im Eiltempo zur Tat und überzeugte mich mit den mitfühlenden Worten „Die sind alle nicht sooo schnell. Du kannst uns jetzt nicht im Stich lassen.“

Also lief ich.

Inklusive oben genannter Symptome und begleitet von dem hochmotivierenden Ausspruch meines Liebsten: „Wenn du nicht unter 30 Minuten läufst, brauchst du gar nicht erst nach Hause zu kommen.“

Lange Rede, kurzer Sinn: Nach 29 Minuten und 58 Sekunden konnte ich meinem Abnehmer hechelnd den Stab überreichen. Vor lauter Stolz taumelnd wollte ich mich jetzt nur noch in die lobenden Arme meines Liebsten an unserem Treffpunkt stürzen.

Den ich aber nicht fand. Dazu muss ich erläutern, dass ich einen Orientierungssinn besitze, der mich meist über ausgedehnte Umwege an mein Ziel führt. Anders ausgedrückt: Als Navi würde ich glatt durchfallen.

So irrte ich planlos herum; kam an Ecken vorbei, die ich noch nie gesehen hatte; drehte um; versuchte, Anhaltspunkte wiederzuerkennen, was mir aber nicht gelang; schaute gen Himmel, um meine Position richtungstechnisch einzuschätzen, was mir aber nix nützte und war kurz davor, mich über das Mikro des WM-verdächtigen Moderators ausrufen zu lassen: „Die kleine Su sucht Ihren Liebsten. Sie ist bitte an der Kasse abzuholen.“ Wobei ich noch nicht mal gewusst hätte, wo ich die nun finden soll.

An solch einem Punkt meldet sich dann immer die im Wachstum befindliche Strategin in mir. Also schaute ich mir analysierend die Gegend an, wägte das Hier und das Da ab, ging gedanklich mögliche Fehlerquellen des Verlaufens an und hatte …

den Aha-Effekt.

Dort wo ich gestartet bin, bin ich nicht gelandet. Dort, wo ich angekommen bin, habe ich den Lauf nicht begonnen. Aber (und das war der erleuchtende Moment): Beide Punkte sahen exakt gleich aus. So gesehen hatte ich lediglich spiegelverkehrt zu denken, was mir innerhalb eines neun Minuten andauernden, paralysierten Momentes schließlich auch glückte. Ich musste nur über den Startplatz auf die andere Seite.

Ein schnaubend-erleichtertes „Ufffff“ begleitete mich zu demselbigen, den ich erstaunlicherweise nach nur sieben Minuten gleich fand. Und der abgesperrt war. Nur für Läufer zugänglich. Für Läufer, die noch laufen mussten. Was mir gleich in Form eines kopfschüttelnden, etwa 2 m großen, ca. 20-21 Jahre alten, sprich lebenserfahrenen Ordnungshüters vermittelt werden sollte.

Hoch aufgebaut und mit fletschende Zähnen, die Arme dominant vor der Brust verschränkt, begrüßte er mich schnelldenkend mit einem stummen, aber energischen Kopfschütteln. Meine Startnummer verriet dem scharf kontrollierenden Mann, dass ich kein Zugangsrecht habe. Ihm zur Seite stand eine kleinere Ordnungskollegin, die dabei helfen sollte, gefährliche und vor allem abgelaufene Läufer am Überqueren der Sperrzone zu hindern.

Mit fester Stimme klärte er mich auf:

„Hier kommen Sie nicht durch.“ Um einlenkend nachzusetzen: „Aber Sie können außen herumlaufen.“ Er machte eine 2-km-ausladende Handbewegung.

Ich versuchte es auf die charmante Art: „Ich bin doch schon fünf Kilometer gelaufen …“

Er blieb hart: „Sie haben meine Hochachtung, aber Sie müssen trotzdem außen herumlaufen.“

Ich setzte mein einnehmendstes Lächeln auf: „Kann ich nicht ganz schnell ‘rüber huschen, das dauert nur zwei Sekündchen, allerallerhöchstens, ich bin eben auch ganz schnelle 29 Minuten und (ich schummelte ein bisschen) 32 Sekunden gelaufen.“

Mein treuherziger Blick prallte eiskalt an ihm ab wie ein Flummi an einem Felsen.

„Nein.“

Die Augen zu drohenden Schlitzen verengt, ragte er Fernsehturm-ähnlich vor mir noch ein bisschen höher auf. Der Kerl nahm sein Amt ausgesprochen ernst, was angesichts der brenzligen Allgemeinsituation eines Volksvergnügens ja auch irgendwie einsichtig war.

Als brave Bürgerin, die solch vernünftige Regeln versteht und einhält, trollte ich mich, ging außen herum, fand mich nach fünfzehn Minuten an einem Platz wieder, der mir vage bekannt vorkam, drehte mich verwirrt dreimal um meine eigene Achse und wurde von meinem Liebsten aufgefangen.

Hilfreiche Vorschläge zur Verbesserung meines Koordinatensystems nehme ich dankend entgegen. Und Menschen, die mir beim nächsten Mal helfen, à la „Hase & Igel“ die Ordnungshüter dieser Welt mal so richtig auszutricksen.

inspired by wortwurm

 

 

 

 

 

 

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16 Kommentare zu “Die Hüter der Macht oder: was passiert, wenn ich mich verlaufe

    • Das ist ein kluger Hinweis, liebe evazins.

      Für mich nur mit zwei kleinen Einschränkungen behaftet: Was gebe ich in einer so großen Grünanlage wie dem Tiergarten ein? Rasen? Weg? In diesem Falle: Start? Ziel?

      Und wie gehe ich mit dem Navi meines Smartphones um? Das ist auch so eine Schwachstelle von mir …

      Aber ich hab auch Stärken, nicht dass du einen falschen Eindruck bekommst 🙂

  1. Das klingt vertraut, bei mir ist der Orientierungssinn leider kaum ausgeprägt… Vielleicht hat ja tatsächlich jemand eine super Idee. Ich habe ja schon mal vorgeschlagen, für unser recht großes Firmengelände ein spezielles Firmennavi zu entwickeln, mit genauer Routenangabe zu den Besprechungsräumen etc. Was man halt so braucht. 🙂

    • Da wäre doch ein Geländeplan hilfreich. So einer wie die Stadtpläne von früher. Wenn du es geschafft hast, ihn zu entfalten, kannst du dich, die Karte auf den Kopf stellend, von links nach hinten und rechts über die Seite drehend, bestimmt ganz wunderbar zurecht finden.

      Allerdings hast du dann höchstwahrscheinlich ein anderes Problem: Wie bekommt man das verdammte Ding wieder in sein Ursprungsformat zurück?

      Ich für meinen Teil habe zumindest diverse Szenen vor mir: auf dem Beifahrersitz, den überdimensional ausgefalteten Plan in den Händen. Der Versuch, die Knicklinien richtungstechnisch korrekt einzuschätzen und ihnen faltend zu folgen. Das mehrfache Aua des Fahrers. Das erste Ergebnis in der ungeschmeidigen Dicke eines Elefantenbeines und wieder von vorne…

      Also wohl doch lieber der Navi? 🙂

    • Du meinst, wenn ich diese Brille aufsetze, dann klappt’s auch mit ohne Ordnungshütern? Oder weiß ich dann etwas von dem kontrollierenden Manne, womit ich ihn dezent erpressen kann?

      • Ja genau, du hast noch eine Idee dazu getan. Zunächst dachte ich nur, durch diese Brille kann dich die ALLMACHT GOOGLE zu jedem gewünschten Ort dirgieren und der Ordnungshüter bräuchte dich nicht mehr, um seine Macht auszuleben. Du könntest ihn aber auch darauf hinweisen, dass du nun seine Reaktion aufzeichnest und die ganze Welt es sieht – so rein zufällig natürlich,weil du ja immer alles damit aufzeichnest – für Google. Ob er sich so sehen will? 😉

      • DAS ist doch eine ausgezeichnete Idee. Ich filme das nächste ordnungsliebende Machthaberchen, zeige es ihm anschließend und es bekommt solch einen Schreck, dass es zukünftig nur noch flauschig und felxibel reagieren kann. Amen.:-)

  2. Habe wie immer herzhaft gelacht. Und meine Orientierungslosigkeit bekam Futter: Wie denke ich spiegelverkehrt, wenn ich nicht weiß, wo ich bin? Ich muss nur über die andere Seite, aber auf welche? Hmm, ist nicht so leicht, an der gleichen Stelle anzukommen, wo man losgelaufen ist?

    • Liebe dorice,

      das ist ja gerade der Trick. Wenn ich nicht weiß, wo ich bin, denke ich mich spiegelverkehrt. Und ich probiere eine nach der anderen Seite aus, bis ich die andere gefunden habe. Zugegeben, das kann ein wenig dauern 🙂

      Dass du herzhaft gelacht hast, zeigt mir: Hier hatte ich den richtigen Sinn. Danke 🙂

      • Bis hierher habe ich auch herzhaft mitgelacht. Aber jetzt kommt der Ansatz „blinde Gewalt“ – einfach um sich treten, noch nicht einmal wissen, wohin … Nein, dann lieber TRY and ERROR bis zum Umfallen, oder? 🙂

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