Und montags grüßt das U-Bahn-Tier

Foto und Collage:  Su Purol (Ars TexTrendi)

Foto und Collage:
Su Purol (Ars TexTrendi)

 

Montag morgen, ich begleite meinen Sohn zur Schule. Heute muß er etwas früher dort sein wegen einer Probe. Wir sind gut in der Zeit und kommen um 07.20 Uhr am U-Bahnsteig Rohrdamm an, fahren die Rolltreppe hinunter unter und erblicken das Display, berlinerverkehrsbetriebisch called „Daisy“, das uns freundlich, aber bestimmt ein: „Abfahrt in 12 Minuten“ zublinkt. Völlig aus dem BVG-Häuschen schnappen wir nach Luft, auf dem Bahnhof tummeln sich unzählige Schüler, die nun ebenfalls zu spät kommen werden ….was ist hier los?

Mal überlegen: Es gibt zur Zeit einen Pendelverkehr sonntags bis donnerstags von 22 Uhr bis Betriebsschluss. Aber eine intensive  Betrachtung des Sachverhaltes (wir haben ja Zeit) ergibt:

Montag liegt nicht zwischen Sonntag und Donnerstag und 7.20 Uhr nicht zwischen 22 Uhr und Betriebsschluss.

Wie auch immer: Ein Telefonat mit der Schule ist vonnöten (Eplus freut sich), die Probe ist dahin und wir sind umsonst früher aufgestanden. Aber da wir laut Albert Schweitzer  in jeder Minute, die wir im Ärger verbringen, 60 glückliche Sekunden unseres Lebens versäumen, ärgern wir uns nicht. Denn hier wären es ja sogar 12 mal 60, also glückliche und versäumte 720 Sekunden. Und wenn mein Sohn schon die Probe versäumt, dann nicht auch noch sein Glück. Jawoll.

Montag morgen, eine Woche später

Den Vorfall noch im Gedächtnis albern wir auf der Rolltreppe herum, ob wir heute wieder 12 Minuten geschenkt bekommen. Das Blödeln weicht einem fassungslosen Aufklapp-Mund: Daisy blinkt energisch: „Abfahrt in 20 Minuten“. Albert Schweizer hin oder her: 20 Minuten, zwaaanzig Minuten! Auf dem Bahnsteig herrscht kollektives Kopfschütteln.

Nun bin ich doch erbost, pfeife auf die 60 glücklichen Sekunden und stampfe engagiert zum Infoschalter: Es piepst nach Knopfdruck metallisch: „Bitte haben Sie noch einem Moment Geduld.“ Hab’ ich, wenn es  die unterdessen 19 eingeblendeten Minuten nicht überschreitet. Tut es nicht, ein Mann meldet sich pflichtbewusst und gelangweilt. Ich erzähle ihm, was hier los ist, dass Millionen von Schülern aufgeschmissen sind und was die für einen Ärger von der Schule bekommen werden und wenn da einer bei ist, der schon einen schriftlichen Verweis hat, der muss doch mit dem Rauswurf rechnen, mal ganz abgesehen von all den Arbeitswilligen, die vorprogrammierter Ärger mit ihrem Chef erwartet und wir haben doch nun wirklich schon genug Arbeitslose … Der Mann ist betroffen: „Das wusste ich nicht. Ich schau mal, was da los ist.“ Es raschelt und 90 glückliche Sekunden später hallt es triumphierend an mein Ohr: „Der Zug hat Verspätung.“

Nein, gibt’s denn so etwas.

Das ich da nicht von alleine drauf gekommen bin. Der Informant weiß aber noch mehr: „Die vom Vorstand machen sich bestimmt Gedanken“, tröstet er mich. Genau. Und Schule macht Spaß und Erdbeeren sind blau und  der Storch bringt die Babies.

Unterdessen sind es nur noch 12 Minuten, wir kommen dem Warteziel näher. Der Countdown läuft: Bald blinken uns erfolgversprechende vier Minuten an. Wir haben es fast geschafft. Doch plötzlich sind es wieder fünf Minuten. Läuft Daisy jetzt rückwärts? Fasziniert betrachten wir sie, die uns nun ein Schauspiel der anderen Art bieten wird: Plötzlich hat sie einen Black-out und ihr Bildschirm ist schwarz. Dann fällt ihr hektisch: „Betriebsstörung“ ein. Da wir aber in Zeiten des Anglizismus leben, ändert sie schlagartig ihre Meinung  und lässt ein modernes „Out of Order“ erscheinen. Die BVG will uns scheinbar unterhalten. Gleichzeit vernehmen wir eine hallende Stimme: „Sehr geehrte Fahrgäste, die krgsgx Linie 7 krgsgx Unterbrechung aufgrund einer krgsxksgrsggs. Krggsgxgs unregelmäßig, die kgrgsgxgs entnehmen Sie bitte dem ksrgsgsss. Wir krgsgsghhsgs Verständnis.“

Verstehen tu ich das nicht.

Aber sehr nett diese informative Ansage. Die BVG läßt uns wirklich nicht im Regen stehen. Was wir genau der krsgsgsss entnehmen sollen, bleibt unklar. Daisy hat sich zwar entschieden, doch wieder reelle Minuten einzublenden, aber sie scheint etwas verwirrt. Jetzt sind es noch 6 Minuten, aber ein Blick auf die nebenstehende Uhr verrät uns, dass diese 6 Minuten schließlich doch 8 Minuten andauern. Wir führen eine neue Maßeinheit ein. Die BVG-Minuten, variabel und flexibel in ihrer Länge. Wie man es halt gerade braucht.

Aufgrund dessen befinden wir uns auch schon echte 40 Minuten auf diesem Bahnsteig. Aber es soll nun ein Ende haben: Das Finale ist eingeläutet: Daisy blinkt erleichtert und ohne Zeitangabe, ein sicheres Zeichen für die Einfahrt des Zuges. Nach vier Minuten.

 

 

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2 Kommentare zu “Und montags grüßt das U-Bahn-Tier

  1. Die haben Kameras in den Bahnhöfen. Und wenn ihr oben reingeht, weiß es Daisy schon, bevor Ihr unten ankommt, sendet eine Art SMS an die Signalstellschwester und ohne dass die sich lange abstimmen müssen, sind sie sich einig: IHR habt es ganz besonders verdient, weiter glückliche Minuten geschenkt zu bekommen. „Jeden Tag eine gute Tat“, so denken auch die maschinell-elektronisch-technischen Infrastrukturlebewesen der Großstadt mitten unten, über, zwischen uns. Nur, wir bemerken diese Doppelstrukturlandschaft nicht, wir nutzen sie nur …. Seid gebenedeit, denn Daisy und Freundin haben EUCH auserkoren, dass ihr deren Bestes genießen könnt, was sie zu geben haben: ZEIT durch Verzögerungen. Denn weglaufen können sie ja nicht, sie sind wie Pflanzen …

    • Schöne Interpretation, so kann man das natürlich auch sehen. Dazu fällt mir ein Spruch ein, den ich gestern in einer Bäckerei in Berlin-Mitte gesehen habe (es gibt echt keine Zufälle):

      „Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen.“ (Igor Strawinsky)

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