Odyssee der stressigen Entspannung

Collage: Su Purol (Ars TexTrendi)

Collage: Su Purol (Ars TexTrendi)

Frau Flattermann fühlte sich wie ein Flitzebogen kurz vorm Abflug: bis zum Zerreißen gespannt. Da sie es leid war, im Sechseck zu hopsen (das sah auch ganz schön doof aus auf Dauer), suchte sie Abhilfe im Internet. Etwas ganz schnell Helfendes, bequem und zeitsparend zu Erlangendes sollte es sein.

Sie wurde fündig in Form eines Akupunkturstimulationsstiftes, der ihre genervten Nerven in den nötigen Ruhemodus versetzen sollte.

Aber erstens kommt es anders. Und zweitens, als man bestellt. Hier Frau Flattermanns Aufzeichnungen:

7. April 2014

Helferlein geordert, inklusive Knopfzellen. Das Ding soll ja auch laufen.

9. April 2014

Helferlein kommt an. Freue mich. Setze die Knopfzellen ein, freue mich noch mehr. Schalte ein. Der Motor schnurrt vielversprechend. Führe das Gerät in Richtung Nacken. Plötzlich: beharrliches Schweigen. Schüttele das Teil. Ein bisschen, ein bisschen mehr, ein bisschen ungeduldiger. Nix.

Nerven: „Ätsch!“

Schreibe eine Email an die Firma, fordere neue Knopfzellen an. Zähne: knirschend.

11. April 2014

Knopfzellen kommen an. Freue mich. Setze die Zellen ein. Will sie einsetzen. Drehe sie und wende sie, versuche es hochkant, im linken Winkel. Knopfzellen passen nicht. Überlege, die vermaledeiten Dinger mit einem Hammer in Form zu bringen. Entscheide mich dagegen. Ignoriere erfolglos das hämische Gelächter der Nerven. Puls: auf 180.

Gehe in den Einzelhandel, erfahre: brauche andere Knopfzellen. Erfahre weiter: Haben wir aber nicht. Fühle eine plötzliche Schraubzwinge im Nacken.

Schreibe Firma an. Im Yogasitz. Muss Nachbarn anrufen, komme nicht mehr aus der Verknotung heraus.

25. April 2014

Erhalte quasi zeitnah eine Antwort. Retourenzettel wird angekündigt sowie die Zusendung der richtigen Knopfzellen.

02. Mai 2014

Kein Retourenschein, dafür aber Knopfzellen. Schreibe Email an die Firma. Setze gleichzeitig die Knopfzellen ein. Kreische auf. Passen wieder nicht. Schreibe noch eine Email. Wiege mich dabei vor und zurück.

10. Mai 2014

Retourenschein kommt per Mail. Gähnende Knopfzellenleere. Dafür Stimmen im Kopf.

11. Mai 2014

Erhalte eine herzige Mahnung mit liebenswürdiger Inkassoandrohung. Rufe die Buchhaltungsabteilung der Firma an. Schlage nettem Mann folgenden Deal vor: Überweise Rechnungsbetrag, wenn Gerät funktionstüchtig ist und erhebe keine Mahngebühren für die Knopfzellen. Netter Mann findet den Deal fair und sagt mir, dass er dafür nicht zuständig ist.

Werde freundlich an die Mahnabteilung verwiesen: Trage einer Frau mein gleiches Sprüchlein vor wie dem netten Mann. Werde höflich von ihrer zackigen Stimme unterbrochen. „Sie haben zu zahlen“ … „Wenn nicht, droht Ihnen Inkasso …“ Bleibe hartnäckig. Lande unvermittelt und ohne Vorwarnung in der nächsten Abteilung. Befürchte eine Abteilungswanderung der unendlichen Art. Hopse im Achteck. Nachbar beobachtet meinen Rumpelstilzchen-Tanz irritiert. Höre durch dröhnende Ohren, ich solle mein Anliegen an die Serviceabteilung per Mail weiterleiten.

Mache ich. Blutdruck: Mount-Everest-Höhe

20. Mai 2014

Prompte Mail-Antwort: „Der uns vorliegenden Produktbeschreibung nach sollte die Stromversorgung mit den Ihnen vorliegenden Knopfzelle möglich sein. Ein Hinweis dafür, dass keine Kompatibilität mit diesen Knopfzellen gegeben ist, liegt uns nicht vor. Unsere Empfehlung ist, dahingehend den Punkt 5 der Bedienungsanleitung zu beachten. Sollte wider Erwarten unsere Ersatzlieferung nicht zielführend sein, geben Sie uns bitte eine Rückmeldung. Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne weiterhin zur Verfügung.“

Schaue mir den Punkt 5 der Anleitung an: „Setzen Sie die Knopfzellen wie abgebildet ein.“ Bin mir nicht sicher, wie das helfen soll.

Denke, dass irgendeine Stromversorgung mit den Dingern sicherlich möglich ist. Vielleicht die eines Rasierapparates. Überlege, ob ich das ausprobiere. Befürchte Stoppeln im Nacken. Verwerfe den Gedanken.

Schreie die Mail an: „ICH habe Ihnen den Hinweis gegeben, dass keine Kompibali… Kommabili … Kompostali… waaaah ….“ Trommele mit Händen und Füßen auf dem Tisch herum. Hopse im Zehneck.

Nach einer halben Stunde halte ich nach Luft ringend inne. Merke plötzlich, dass ich ganz ruhig werde. Richtiggehend entspannt sogar.

Hat also doch geholfen, dieses Akudingsbums.

Wird Frau Flattermanns Zustand anhalten?

Wenn nein, welche Knopfzellen werden wann und für welches Gerät geliefert? Und an wen? Möchte der Nachbar Rumpelstilzchen-Tanzunterricht nehmen? Werden die beiden gar ein Paar? Passen Ihre Knopfzellen in seinen Rasierapparat? Meine Empfehlung: Beachten Sie dahingehend Punkt 7 der Betriebsanleitung: „Wenn das Gerät nicht funktioniert, ist es kaputt. Oder Sie haben die falschen Knopfzellen.“

 

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11 Kommentare zu “Odyssee der stressigen Entspannung

  1. Somit erwies sich wieder, dass Hopsen dir Entspannung bringt. Wie beim Laufen. Dort halt nicht im Kreis. Also in so einem kleinen, meine ich, wie in dem „Zehneck“. das eine kreisförmige Linie durchaus beschreibt. Hut ab, deine Selbsthilfestrategie war erfolgreich. Ich wüsste nicht, wie ich ein Zehneck hinbekommen sollte. Würde mich vor Wut wahrscheinlich dauernd verzählen.

    • Gib hier Deinen Kommentar ein …

      Ich hab soooo gelacht. Herrlich wiedergegeben, Susinka. Aber ob du es glaubst oder nicht: Heute habe ich die freudige Ankündigung der Firma bekommen, dass sie mir die Knopfzellen kostenlos liefern. Kulanz. AAAABÄR sie schicken wieder die Knopfzellen an mich, die nicht passen? Ob das Team der Firma möglicherweise keine Zahlen lesen kann? Ich brauch CR 2025, nicht 2032! Grrrrr … kann man eingentlich auch ins Internet beißen?
      Ich hab soooo gelacht. Herrlich wiedergegeben, Susinka. Aber ob du es glaubst oder nicht: Heute habe ich die freudige Ankündigung der Firma bekommen, dass sie mir die Knopfzellen kostenlos liefern. Kulanz. AAAABÄR sie schicken wieder die Knopfzellen an mich, die nicht passen? Ob das Team der Firma möglicherweise keine Zahlen lesen kann? Ich brauch CR 2025, nicht 2032! Grrrrr … kann man eingentlich auch ins Internet beißen?
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      • Ich habe auch gelacht und mitgelitten. Die Steigerung der Qual entlädt sich dann am Ende der Geschichte. Schönes Stilmittel, es war aus dem vorherigen Verlauf in keinster Weise zu erkennen, in welche Richtung sich alles entwickelt. Übrigens: Ins Internet beißen tut nicht so weh, wie in ein heißes Bügeleisen. Selbst das bekommt Su hin. Genial 🙂

      • Aber natürlich kannst du ins Internet beißen. Dass stärkt die Klugheit durch die Aufnahme der Informationsflut. In diesem Falle solltest du das aber vielleicht der Firma überlassen, die haben das Stopfen von Wissenslücken offensichtlich weitaus nötiger als du.

        Ich bin sehr gespannt, welche du diesmal bekommst.Vielleicht schicken sie dir zur Abwechslung ja welche der Bezifferung XY-ungelöst?

        Und das Wort „Kulanz“ halte ich in diesem Zusammenhang doch für weit überdimensioniert.

        Ich wünsch dir, dass nun alles klappt. Obwohl, dann habe ich keinen Stoff mehr für eine Fortsetzung 🙂

    • Ach, lieber Michael, die Anzahl der Ecken ist völlig irrelevant. Du kannst auch in einem X-Eck hopsen, wenn du magst :-). Wie ich dich einschätze, würde dir auch ein Logarythmus- oder Cosinus-Eck gut zu Gesicht stehen… Hätte nach dem Ausprobieren dann gerne einen Bericht 🙂

      • Oh, vielen dank, liebe Susi, mir die Oberstufenmathematik im Körper zuzutrauen, ich glaub in würde in der geschlossenen Abteilung landen weil ich das Unendlichkeitszeichen setzen müsste … wobei doch alle Rechenoperationen auf der Addition beruhen … Ich glaube, ich versuche es erst gar nicht 🙂

  2. Herzlich lachen wie ich kann man wohl nur, wenn man den Schaden nicht hat 🙂
    Sieht doch ganz einfach aus, sind die denn alle bekloppt oder können nicht lesen?
    Immerhin haben sie dich zur Gymnastik getrieben, was ja auch positiv ist. Aber sag das nur nicht dort, sonst musst du noch draufzahlen 🙂

    • War ja gar nicht mein Erlebnis, ich durfte es mir nur klauen (siehe Antwort oben), weil ich großes Potential für eine Story erkannte. So konnte ich die Hopseck-Geschädigte ein bisschen von Ihrem Knopfzellen-Trauma befreien. Sie hat gelacht, so wie du. Ziel erreicht. Danke 🙂

      • Ich habe auch gelacht und mitgelitten. Die interessante Steigerung der Qual entlädt sich dann am Ende der Geschichte. Schönes Stilmittel, es war aus dem vorherigen Verlauf in keinster Weise zu erkennen, in welche Richtung sich alles entwickelt.

      • Hui, dann habe ich ja nicht nur den komischen Faktor gewwuppt, sondern auch den dramaturgischen (Ent-)Spannungsbogen. Welch Kompliment. Dankeschön 🙂

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