Der Tag, an dem ich das erste Mal abgeschleppt wurde

wikimedia commons by MyName Bantosh

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Nein, nicht, was ihr jetzt denkt. Ich meine richtig abgeschleppt, mit dem Wagen. Und das war so:

Am  Neujahrstag kam das heißgeliebte Auto meines Liebsten auf die unwillkommene Idee, das Getriebe aufzugeben. Einfach so. Ohne vorher zu fragen. Mitten auf der Autobahn. Inklusive Hänger. Und fünf Fahrinsassen. Fernab der Heimat selbstverständlich. Man gönnt sich ja sonst nix.

Nach souveränem Handling meines Freundes rollten wir schließlich ergeben auf einen Parkplatz. Der nun folgende Austausch mit dem ADAC ging so:

  1. drei Telefonate mit jeweils anderem Ansprechpartner – Abwechslung ist das halbe Leben
  2. drei  Mal die Frage: „Wo stehen Sie jetzt genau?“ – Interesse war durchaus vorhanden
  3. beim letzten Gespräch die Bemerkung: „ Ach, ein Hänger ist auch dabei, davon  wusste ich gar nix …“ – es lebe die Kommunikation

Wie der gelbe Engel uns dann doch noch aufspürte, bleibt ein Rätsel. Einen Pannen-Spürhund konnten wir jedenfalls nicht ausmachen. Einer unserer Mitstreiter fuhr dann per Anhalter nach Berlin. Das lädierte Auto stand schlussendlich sicher auf einem ADAC-Parkplatz – immer noch janz weit draußen. Die Frau eines anderen Mitstreiters holte uns Letzten, das sinkende Fahrzeug Verlassenen ab, plus Hänger. Und brachte uns glorreich nach Hause.

Dort hatte mein Freund ebenfalls eine Idee.

„Schatzi, wir holen das Auto ab. Du und ich. Abschleppen … zusammen … naaa? Wie klingt das?“

Meine innere Stimme antwortete: „Waaaaaaaaaaaaaaaaaaaah.“

Meine äußere jubelte: „Toller Einfall, klar, natürlich, so machen wir das!“

Zur Erläuterung: Ich noch nie abgeschleppt haben oder worden sein (mit dem Auuutooo). Ich undefinierbare Autobahnphobie. Ich Schiss ohne Ende. Ich keine zusammenhängenden Sätze mehr schreiben können.

Der Rest ist schnell erzählt:

Zwei Tage später, eine  Stunde vor Abfahrt: Das Herzchen macht: dadumm, dadumm, dadumm …poch, poch, poch.

Ankunft am Parkplatz des Schreckens: Entwarnung, nix Abschleppen, Auto läuft gar nicht, geht nicht, schade.

Drei Liter aufatmen. Zwei Sekunden später: Auto läuft doch, Freund guckt entwaffnend. Poch, poch, pöcher.

Fünf Minuten später: er im kleinen Wagen vor mir, ich im Van (Van!) an ihn gebunden, erste Testbremsung, es ruckt wie verrückt. Meine innere Stimme jault „ich kann das nicht“. Freund kommt zu mir, guckt noch entwaffnender, ich schmelze dahin. Meine äußere Stimme: „ Na los …“ Das leichte Timbre in dieser Aussage ist überhörbar.

Jetzt geht es wirklich na los

Die folgenden anderthalb Stunden (bis zur nächsten Ausfahrt): erste Sekunde: poch

zweite Sekunde: pöcher

dritte bis 5.398ste Sekunde: am pöchesten

Sitzhaltung: stocksteif von Kopf bis Fuß, linkes Bein konsequent gegen den Boden gedrückt, Hände umklammern rigoros das Lenkrad. Rechtes Bein in Habachtstellung überm Bremspedal.

Mund: staubtrocken, Atmung: aussetzend bis stoßweise, Augen: hypnotisch fokussiert auf den Abstand zwischen ruhendem Scheibenwischer (Van) und Nummernschild (Zugwägelchen).

Zustand: doppelthochdreifachkonzentriert.

Bei Verringerung des Abstandes

–  nicht etwa immer durch das Bremslicht angezeigt, sondern auch wahlweise unsichtbar und herzbeschleunigend durch Motorbremse oder vom Gas gehen erzeugt: bremsen. Die Folge: Ich sehe meinen bald-ist-das-Leben-bitte-nicht-vorbei-Gefährten schlingern. Der falsche Kick am falschen Ort.

Zwischendurch: Es ruckelt, obwohl ich gar nicht bremse. Ich entwickele für  diese, noch öfter vorkommenden  Situationen ein Mantra in höchsten Oktaven: „Ich hab‘ doch gar nix gemahaacht!“

Auffahrten: doppelt Angst besetzt, mein Deo verlässt mich.

Einsetzende Dunkelheit: Großhirn an Augen: „Ihr seid nachtblind!“ Augen an Großhirn: „Klugscheißer.“

Tanzende Lichtverhältnisse plus Baustelle mit Fahrbahngröße eines Nadelöhrs: Schweißausbrüche. Ohne Deo ganz besonders blöd.

Zwischendurch das Handy („ich hab doch keine freie Hand, ich kann jetzt nicht, ich will jetzt nicht, das geht jetzt nicht“), es klingt entwaffnend, ich gehe ran. Mein Freund lobt mich und sagt mir, ich sehe bezaubernd aus. Ich quiecke halb grinsend. Dass er mich gar nicht sehen kann, zählt nicht.

Die Autobahn verlassen

Das Handy klingelt wieder, ich werde instruiert: „In ca. 15 Minuten fahren wir ‘runter,  und dann müssen wir nach links und dann musst du das Warnblinklicht ausmachen und den Blinker setzen und dann …

Meine innere Stimme: „Das kann ich nicht, das schaff ich nicht …“ Meine äußere Stimme piepst: „Okay ….“

In meinem Kopf summt es: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen, und dann werden keine Albträume wahr …“

Nun  greife ich in die Trickkiste und texte mich selber zu: „Ich kann und ich schaffe es und jetzt sind es nur noch fünfzehn läppische Minütchen und gleich ist es vorbei und …“

Zustand meines Körpers zu diesem Zeitpunkt: Krampf im linken Bein, Muskelkater in der rechten Pobacke, eingeschlafene Finger an der linken Hand. Großhirn singt: „Laleluu …“

Krawummmmm.

Kleiner Scherz. Für die Dramatik.

Happy End im hochgradigen Erschöpfungszustand

Wir sind wohlbehalten angekommen. Und für das glückliche Grinsen, das ich dann geschenkt bekommen habe, würde ich es wieder  tun. Mit Deo, Beatmungsgerät, Herz-Kreislaufmaschine, Nachtsichtbrille, Masseur. Und auf dem Beifahrersitz.

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6 Kommentare zu “Der Tag, an dem ich das erste Mal abgeschleppt wurde

    • Im Allgemeinen stimme ich dir da zu, liebe nandalya … aber mein Abschlepper war mir ja durchaus und schon im Vorfeld vertraut … 🙂 und von dem werde ich am liebsten abgeschleppt 🙂

  1. HuHu,
    keiner kann das besser verstehen als ich, denn ich habe vor Jahren Ähnliches erlebt und weiß punktgenau wie du dich gefühlt hast, mental wie körperlich, meine Geschichte endete mit dem Überfahren eines bereits überfahrenden Tieres im Schneckentempo auf dem Standstreifen, dicht gefolgt vom Abfahren sämtlicher Ebenen des Flughafen Tegels, bis es mich dann erlösend am Jakob Kaiser Platz aus der Autoumlaufbahn zurück auf die Erde schoss 😉 Never ever!!!
    Liebe Grüße,
    Ginny

    • Oha, liebe Ginny … ein überfahrenes Tier zu überfahren hat natürlich keine wirklichen Vorteile. Vielleicht sollten wir in dringenen Fällen eine Mitschleppgemeinschaft gründen. Zumindest hätten wir dann sicherlich eine doppelt gute Story 🙂

      Lieber Leidensgenossinnen-Gruß zurück

      Su

  2. Ich durfte schon 2x, da war ich sogar noch Fahranfängerin und hatte richtig Angst. Dein Empfinden kommt meinem gleich. Mein Vater hatte in mich mehr Vertrauen als ich selbst. In beiden Fällen ist es gut gegangen, auf eine Wiederholung war ich aber nie scharf.
    LG
    Emma

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