Please do let me be Miss Understood

pixabay, thanks to: gerald & PublicDomainPictures Collage: Su Purol (Ars TexTrendi)

Es gibt ja Dinge, auf die hat man so gar keine Lust. Null. Nada. Otto Waalkes sagte ‘mal: „Je größer das Sssst, desto stärker das Bums“. Das trifft hier im übertragenen Sinne auch zu: Mit zunehmendem Verpflichtungsfaktor schrumpft der Wille zur Umsetzung. Es sei denn, man wird zu einer Reise auf die Malediven verdonnert.

In meinem Falle hatte ich einen Businessplan zu schreiben. Um einen Existenzgründungszuschuss beantragen zu können.

Dazu gehört eine schriftliche Eigendarstellung, wer man denn so ist, was man überhaupt kann, was man anbieten will und warum überhaupt. Wo das alles stattfinden soll und vor allem, mit wem und wenn mit keinem, warum nicht. Wieso hat man das eigentlich vor, wer soll das bitte schön kaufen und aus welchem Grunde? Wie will man das planen, organisieren, umsetzen, absichern, finanzieren, beweihräuchern, einsetzen und auf welche Weise genau? Was kann schiefgehen, belanglos sein, übersehen werden, nach hinten los gehen und wenn ja, wie viel?

E gleich M mal C Quadrat für Laien

Der zweite Teil besteht aus Kalkulationen. Und genau davor gruselte es mir so was von mächtig gewaltig. Denn hier waren Kostenpläne von A wie arithmetische Überkalkülsbilanzen über K wie kosmische Wahrscheinlichkeitsberechnungen bis hin zu Z wie zykrofintilogikalische Prognosen gefragt.

Und das alles nicht etwa nur für ein läppisches Jährchen. Nein. Ich sollte zu Madame „Ich-lese-aus-dem-Kaffeesatz“ mutieren und ganz genau und akribisch die nächsten sechs Jahre voraussehen.

Verständlich, dass ich da eine innere Bremse zog, oder? Man könnte auch sagen, ich war in eine Art Stockstarre gefallen, die mir nur Dinge erlaubte wie Kaffeetrinken, Blog-Themen schreiben, Artikel lektorieren, Kaffeetrinken.

Aber leider, leider hatte ich einen Abgabetermin. Da interessieret mein gelähmter Zustand nicht die Bohne.

Also los

Kurz vor knirsch hin setzte ich mich und begann den schriftlichen Teil. Das sollte mir gelingen. Ist ja mein Beruf. Brauche ich auch nicht lange für. Schüttele ich quasi aus dem Ärmel.

Sechs Stunden später war ich fertig. Mit dem Schreiben und den Nerven. Mein Perfektionismus hatte mich ein wenig aufgehalten. Aber wenn ich mich als Texterin, Lektorin und Graphik-Designerin selbstständig machen will, macht ein stammelndes Selbstporträt auf bleichem Papier vielleicht nicht den allerbesten Eindruck.

Nun war das ja noch nicht alles. Sondern praktisch der leichtere Teil. Und ich sollte meiner Unternehmensberaterin an selbigem Tage alles zusenden, damit sie sich ein Bild machen kann. Es war allerdings schon 18.00 Uhr. Bei sechs Stunden Text konnte ich mir wenigstens ausrechnen, wie lange ich ausrechnen muss. Nachtschichten waren in dieser Branche wohl nicht üblich.

Also rief ich sie verlegen und beschämt und kleinlaut an. Schilderte ihr wispernd mein Dilemma. Rutschte dabei von einer Pobacke auf die andere, was bei einem Drehstuhl zu leichten Gleichgewichtsstörungen führt.

Vonwegen verwegen

„Mein 2.000l-Gefrierschrank hat sich selbst aufgetaut. Dazu ist das Stromnetz in ganz Berlin tagelang ausgefallen. Was, bei Ihnen nicht? Ach ja, Mitte war nicht betroffen. Sie Glückliche. Dann haben Sie auch bestimmt nicht mitbekommen, dass hier bei uns die Raupengrippe ausgebrochen ist. Ja, die hat mich natürlich volle Kanne erwischt. Das auch noch. Jetzt verstehen Sie sicherlich, dass ich zwar Willens, aber absolut nicht in der Lage war…“

Ein Klatschen unterbrach meinen Redefluss. „Haben Sie mich jetzt durch das Telefon geohrfeigt?“ fragte ich verunsichert. Weh tat es jedenfalls nicht. Aber man kennt das ja mit den Spätfolgen.

Ein überaus belustigtes Lachen klang an mein Ohr. Jetzt war ich doch ein wenig beleidigt. Reagiert man so auf derartige Nöte?

„Nee, Frau Purol, ich hab‘ gerade nur mal die Hände überm Kopp zusammengeschlagen. DAS machen wir doch am Mittwoch geeemeiinsam!“

Als mir die Bedeutung dieses Satzes nach zwei Stunden bewusst wurde, hallte dieser wieder und wieder in mir nach. Es klang wie „Süßer, die Unternehmensberaterinnen nie klingen“… Und ich frohlockte.

Missverständnisse können manchmal ganz schön toll sein. Hätte ich jetzt nicht gedacht.

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6 Kommentare zu “Please do let me be Miss Understood

    • Danke,liebe nandalya.

      Und Miss Verständnis ist einfach genial! Da fallen mir doch gleich Miss Trauen ein (die ja manchmal gesund sein soll), Miss Billigung (sie passt auch ab und zu, ich persönlich begegne ihr aber lieber weniger) und Miss Marple (wofür steht sie noch gleich?). Lustig, dass es keine Mister gibt. Mister Vertrauen wär ja auch mal schön. Oder Mister Geschick, Mister Gelaunt…ich hör jetzt auf.

      Klasse.

  1. Liebe Su, der Beitrag ist wieder einmal genial. Welch Höchstvergügen. Ich bin ja wirklich ein Profi in Sachen Reframing: Umdeutet oder Dingen einen anderen Rahmen geben. Auf das herrliche Wortspiel mit aufbauender und konstruktiver Bedeutung bin ich noch nicht gekommen: Miss Verständnis. Grandios. Deine Leser sind sofort inspiriert: Miss Billigung, Miss Trauen, Miss Geschick, Miss Gunst, Miss Stand … Einfach herrlich.
    Vielen Dank – dir und deinen Lesern. Doris Purol-Mair

    • Liebe Doris,

      jaa, meine Leser sind wirklich klasse (du also auch :-)), an dieser Stelle ‚mal ein dickes Dankeschön an euch und dich fürs Lesen,Kommentieren, Loben, Inspirieren…

      Na dann,ab ins schöne Wochenende und wenn Miss Behagen auftaucht, immer schön umdeuten.

      Su

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