S-Kapaden

S-Bahn-fahren macht wirklich Spaß. Du kannst ‘rausgucken, die verschiedenen Stadtansichten genießen, dich an den Verspätungsmeldungen oder Ausfallnachrichten erfreuen. Und wenn du dich an den Online-Fahrplan hältst, kannst du dich sogar verfahren. Abenteuer pur für kleines Geld.

Neulich musste ich bis zum S-Bahnhof Gesundbrunnen fahren. Auf der Anzeige stand:

S-Bahn Display Gesundbrunnen









Zweimal große Freude: keine Wartezeit (das hatte ich vor Kurzem zur Genüge) und mein Ziel war die Endstation, also konnte ich gemütlich meine gerade sehr spannende Lektüre lesen, ohne alle zwei Minuten verschreckt aufzuschauen, wo ich mich denn gerade befinde.

Wenn ich mich bewusst in ein Buch vertiefe, kann ein Pinguin mich zum Salsa-Tanz auffordern, ich würde es nicht bemerken. Und nur weil ich mir das Näschen schnauben musste, unterbrach ich meinen Lesefluss. Am Treptower Park. 8 Stationen und 22 Minuten nach Gesundbrunnen.

Fluchend raffte ich meine Habseligkeiten zusammen und stürmte aus der Bahn. Ich kam eine halbe Stunde zu spät. Schadet ja nix. Der S-Bahn zumindest nicht.

Zwei Wochen später

Dasselbe Ziel, identische Info des Displays. Doch nun war ich vorbereitet. Mental  und körperlich. Triumphierend stieg ich am Gesundbrunnen aus und streckte dem  weiter fahrenden Zug genüsslich die Zunge heraus.

Am vergangenen Wochenende nun wollte ich zu meinem Liebsten nach Köpenick. Die Verbindung dorthin kann mitunter etwas zähflüssig sein kann, wenn man den genauen Zeitplan der Züge nicht einhält, oder vergisst, die  3 km zwischen den Umsteige-Bahnhöfen innerhalb einer Minute zurückzulegen. Also schaute ich mir vorher die Details im Internet an. Bei der BVG und bei der S-Bahn. Doppelter Boden.

Diesmal musste ich über Gesundbrunnen fahren. Aber da die Anzeige ja eh ein Fake ist, störte ich mich nicht dran.

Ich saß im Zug, der Zug hielt. Am Gesundbrunnen. Eine männliche Stimme verkündete energisch: „Endstation. Alle aussteigen.“  Ich befand mich sekundenlang in einer Schockstarre. Das kam jetzt zu plötzlich. Innerer Dialog: „Körper an Gehirn: nachdenken. Gehirn an Körper: Mach dich erst mal locker, so kann ich nicht arbeiten.“

Äußere Fortsetzung der Ansage

„Dieser Zug fährt als S25 weiter, Richtung …“ Ich entspannte mich schlagartig. Es geht weiter, alles hat seine Richtigkeit. Stand zwar so nicht im Internet, aber egal. Man muss ja nicht immer so pingelig sein.

Während mein Körper den kurzen Moment der zutiefsten Verunsicherung verdaute, sickert langsam das Wort, das nach „Richtung“ kam, durch und kam gemächlich in meinen Gehirnwindungen an. H-e-n-n-i-g-s-d-o-r-f.

Ich bin ja ein Erdkunde-6-setzen-Typ. Aber auch ein Bauchmensch. Dem schlagartig und ohne logische Erklärung klar wurde:  Hier stimmt etwas nicht. Etwas verlegen outete ich mich meinem Gegenüber mit der Frage: „Es geht hier nicht in Richtung Köpenick?“ Sofort war ich von zwei weiteren, hilfsbereiten Mitfahrgästen umzingelt, die mich unisono fragten, wohin ich denn wolle. „Nach Köpenick?“ wiederholte ich leicht irritiert. Vereintes Kopfschütteln.

Déjà-Vu

Fluchend raffte ich meine Habseligkeiten zusammen und stürmte aus der Bahn. Wobei ich die Seligkeiten liegen gelassen habe, aber dazu am Ende mehr.

Nun befand ich mich am Bahnhof Bornholmer Straße. Als orientierungsloser Mensch wollte ich nicht die Risikovariante wählen und deshalb wieder zurückfahren.  Ich blickte mich wild um. Gegenüber fuhr eine Bahn nach Schönefeld. Irgendeine Erinnerung wurde in mir wach. Also  nutzte ich den Passanten-Joker: „Entschuldigung, komme ich mit diesem Zug nach Köpenick?“ Ich war sehr froh, dass er mich nicht fragte, wohin ich denn wolle. Stattdessen erhielt ich ein einfaches, klares „Ja.“ Das kann ein wahres Geschenk sein.

Lange Rede, kurzer Sinn

Verblüffender Weise kam ich sogar pünktlich. Allerdings bemerkte ich einen Tag später, ich hatte bei meinem überstürzten Aufbruch mein Buch liegen lassen. Eigentlich nicht meins. Ein Buch aus der Bibliothek. Ein 400-Seiten Buch aus der Bibliothek. Hard-Cover. Neu erschienen. Fantastisch lustig und spannend und ich muss wissen, wie es weitergeht (Kerstin Gier: Willkommen im Reich der Träume). Inklusive heißgeliebtem, selbstgemachtem Lesezeichen meines damals 9-jährigen Söhnchens. Dumm gelaufen … äh … gefahren. Und teuer wird’s.

Bin ich ärgerlich? Nein. Schlecht auf die S-Bahn-Organisation zu sprechen? Nein. Traurig wegen des Lesezeichens? Nein.

Kann ich lügen? Ja.

Morgen fahre ich wieder nach Köpenick. Wenn ihr nichts von mir hört, bin ich fahrplanunmäßig in Timbuktu gelandet.

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4 Kommentare zu “S-Kapaden

  1. Hallo du Alltagsheldin,

    das ist ja wieder einmal sehr spritzig, unterhaltsam und homurvoll geschrieben. S-Kapaden: wie wortgewandt! Es ist ein Vergnügen, deine Alltagsgeschichten zu lesen.

    Liebe Grüße. Doreen Hirsch

  2. Liebe Su, du machst den Alltag zum Abenteuer, wenn man versucht, sich in deine Sichtweise hineinzufühlen. Früher hattest du einmal geraten, nur die Straßenseiten zu wechseln, um den eigenen Alltag zu verändern. Einfach, kostenlos, ohne Aufwand, ungefährlich (na ja, kommt auf die Straße an, mit der man täglich zu kämpfen hat), genial. Bereits diese Veränderung könnte einen Bewusstseinsrütteler verursachen à la „guck ich jetzt von drinnen nach draußen oder von draußen nach drinnen“? So wieder dein neuer Beitrag, der mir „Gesundbrunner“ vor Augen führte, wie die „Durchreisenden“ unseren Alltag hier erleben. Wir sind da schon etwas „eingefahrener“ ;-). Danke für den Straßenseitenwechsel-Schubster zu unserer Realität am Nordkreuz. Das mit dem Buch und dem Werk deines Filius tut mr natürlich leid. Hoffentlich gibt es ein ehrlicher Finder ab,.

    • Lieber Mike,

      ja, mit Gewohnheiten zu brechen, kann die Dinge in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die Widrigkeiten des Alltags kann man nur humorvoll nehmen, sonst dreht man ja durch oder am Rad (vielleicht hilft das ja bei Bahnen? Aber haben die überhaupt Räder? Wenn ja, dann haben sie mindestens eines ab).

      Schubsen finde ich ja eigentlich eher doof, aber in deinem Sinne hab ich das gern getan 🙂

      Ein Daumendrücker oder Stoßgebete zum Himmel oder Wiederfind-Rituale jeder Art sind übrigens äußerst willkommen, damit ich wieder in den Besitz von Buch und Filius-Werk komme.

      Danke-für-den-schönen-Kommentar-Gruß

      Su

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