Verkaufsoffener Sonntag – ganz in Weiß

Collage: Su Purol (Ars TexTrendi)

Was tut man nicht alles aus wahrer Zuneigung…mein hocherkälteter (wirklich!) Freund sitzt schniefend und ermattet vor mir. Er braucht Farbe. Für die Wände. Und für die seiner Tante. Und das kann nicht warten, denn es ist Schnäppchenfarbe. Ein superduper Sonderangebot. Three in two sozusagen, der Preis für einen Eimer  einfach mal so gespart. Und nur gültig an diesem Sonntag.

Aber wo keine Kraft im Körper ist, ist auch keine Kraft für Rabatte. Das wird mir in diesem Moment der bedrückt hängenden Schultern und des traurig nach unten geneigten Kopfes bewusst. Ich leide mit ihm. Doppelt. Krank und ohne herabgesetzte Farbe. Das ist nicht nett vom Schicksal.

Aus den Augenwinkeln bemerke ich einen Blick von ihm. Aus seinen Augenwinkeln, so von unten nach oben, so ganz kurz. Als ich ihn direkt anschaue, ist der Blick weg. Stattdessen schwebt ein unmerkliches Flehen im Raum. Farbe, Susi, Farbe. Für ganz, ganz wenig Geld, Susi, ganz ganz  ganz wenig…und ich bin ganz ganz krank…

Ganz von alleine und ohne jeden äußeren Einfluss  entsteht  in mir die spontane Idee, ICH könnte ja die Farbe holen. Während dieses Reifungsprozesses fliegen Gedanken in meinem Kopf herum wie zum Beispiel  „Zartes Persönchen und 30 Liter Farbe“ gleich „Schnecke mit Wolkenkratzer statt Häuschen auf dem Rücken“, „Bandscheibenvorfälle sind auch überbewertet“ plus „Kann ein überlasteter Rücken auch entzücken und wenn ja, wen?“…

Ich ignoriere sie gekonnt. Schließlich bin ich im Dienste der Liebe. Und die kann doch bestimmt mühelos schwere Farbeimer versetzen. Der Glaube kann es mit dem Berg doch auch.

Zu allem entschlossen erhebe ich mich vom Tisch und verkünde: „Ich fahr dann mal los, die Farbe holen.“ Völlig und freudig verdutzt blickt er mich an. Damit hat er jetzt gar nicht gerechnet. Der Überraschungseffekt war auf meiner Seite.

Dann im Baumarkt…

So nahmen die Dinge ihren Lauf. Und die Farbe auch, aber dazu später mehr. Ich fuhr enthusiastisch los, Selbstlosigkeit ist schon ein schöner Motor. Belohnt wurde ich mit einem Parkplatz direkt vor dem Eingang. Dann hätte ich es ja nicht so weit mit den drei bestimmt super handlichen Eimern, die ich letztendlich eh in einem Einkaufswagen transportieren würde.

Ein Einkaufswagen. Verkaufsoffene Sonntage in einem Baumarkt und zur Verfügung stehende Einkaufswagen sind, wie ich schnell feststellen sollte, offensichtlich inkompatibel. Ähnlich einer nicht durch ein Badetuch okkupierten Sonnenliege in einem von deutschen Mitbürgern besetzen Hotel.

Um es kurz zu fassen. Es gab keinen freien Wagen. Nicht einen einzigen. Dafür aber einen Bienenstock herumwuselnder Menschen in Tokio-Rush-Hour-Qualität. Auf der Jagd nach  den Dingen, die man zu diesem Preis nur heute und nur hier ergattern konnte. Und alle bestimmt mit einem kranken Partner zuhause.

Ich fühlte mich ein wenig erschlagen angesichts dieser Massen. Aber es half ja nix. Praktisch denken, irgendein Transportmittel lenken, hieß es jetzt für mich. Da! Mein Blick fiel auf einen Mann, der einen Hand-Trolley hinter sich her zog. Ein kleiner Gabelstapler, nur ohne Gabel. Genau das richtige für mich. Mein persönlicher Farbeimer-Stapler. Der Mann, der meinen begeisterten Blick richtig deutete, erklärte mir den Weg zu dem Objekt der Begierde. Nach einer halben Stunde rechts, links, dort vorbei, da entlang und wieder zurück war ich stolze Momentan-Besitzerin meiner Fracht-Hilfe. Nun musste ich mir noch baucheinziehend, ausweichend, „Entschuldigung“ wie ein Mantra murmelnd den Weg zur Farbe erkämpfen. Die fand ich die nächste halbe Stunde später. Zwischendurch hatte ich eine humorvolle sms an meinen Liebsten geschickt: „Ich hasse dich.“. Er antwortete  liebevoll: „Stör einen kranken Menschen nicht in seinem Genesungsprozess.“ Wo er recht hat, …

Nun flutschte es aber. Die anfänglichen Schwierigkeiten waren verschwunden. Oder kamen mir angesichts der folgenden halben Stunde nicht mehr wie solche vor. Ich stapelte die drei Eimer fachmännisch übereinander auf dem Einkaufswagen-Surrogat. Der untere hatte einen sicheren Stand. Den mittleren klemmte ich mit meinen Knien etwas fest, den oberen umklammerte ich fast krampffrei mit meiner linken Hand. Ich fühlte mich ein bisschen…  wie ein Gummimensch. Nur eben nicht aus Gummi.  Mit der freien Hand zog ich das 30-Liter-leichtgewichtige Ungetüm rückwärts gehend hinter mir her. Mit kleinen Schritten, fast tänzelnd. Ein fast tänzelnder, annähernder Gummimensch. Ein fast tänzelnder, annähernder Gummimensch in höchster Konzentration. Die Eimer entwickelten die Eigendynamik eines unbeaufsichtigten Kleinkindes. Eine Sekunde aus den Augen lassen und sie befinden sich nicht mehr dort, wo du sie eben noch vermutet hast.

Also rückte ich alle Nase (alle Trippelschritte) lang den einen oder anderen Topf wieder in seine Ausgangsposition. Das alles, während ich mich langsam in einer der langen Riesenboas mittreiben ließ, die wohl zu einer der zwei Kassen führen sollte, die dienstbeflissen für die zweihundertausenddreihundertneunundneunzig Kunden geöffnet hatten.

 Meine war übrigens eine Notkasse, wie sich herausstellte. Wo der Barcode von dem einen Verkäufer der anderen Verkäuferin vorgelesen werden musste. Back to he roots quasi. Was einem reibungslosen Ablauf eher hinderlich war. Aber wir waren alle geduldig, kleinere Scherze wechselten zwischen den  Kassen-Angestellten. Zwischen uns Kunden also.

In dieser humorvollen, lustigen Atmosphäre gelangte ich dann nach einer schnellen dreiviertel Stunde  ans Ziel. Ich durfte zahlen. Das Sonderangebot. Gut, dass ich keinen Stundenlohn berechnen musste. Das hätte dieses Schnäppchen ad absurdum geführt. Mehr oder weniger. Mehr mehr als weniger.

Ich hatte nun einen Farbeimer auf das improvisierte Band, einem Holztisch (wahrscheinlich im Sonderangebot), zu hieven. Man war hier wirklich gut organisiert und ausreichend – also zumindest flexibel und ideenreich – auf den verkaufsoffenen Sonntag vorbereitet, dass musste ich den Verantwortlichen schon zugestehen.  Und die anderen beiden Pötte haben sie dann auch anstandslos ohne erneutes Hieven mündlich „einscannen“ können. Selbst die Bezahlung funktionierte reibungslos. Ich sah mich schon mit stolzgeschwellter Brust und drei super preiswerten Farbeimern bei meinem Freund.

„Den Trolley können Sie aber nicht mitnehmen“, klang es plötzlich wie aus Watte an mein Ohr. Ich erwachte aus meiner Zukunftsvision..“Wo bin ich, wer bin ich und wenn ja, wieviele?“, dachte ich verwirrt. Der Barcode-vorlesende Verkäufer schaute mich freundlich und offen an.  Ich schaute abrupt feindselig und verschlossen zurück. Wo das Gift herkam, mit dem ich fauchte: „Wie stellen Sie sich vor, dass ich diese Eimer zum Auto transportiere?“, weiß ich nicht. Es lief doch alles so harmonisch. Die zwei vergangenen Stunden.

Er wusste es auch nicht. Und schwieg beredt. Um dann zu antworten: „Ich weiß es auch nicht.“ Nun, ich bin nicht auf den Mund gefallen und extrem lösungsorientiert. Deshalb fragte ich ihn, ob er mir denn die Eimer tragen würde. Ich schwöre, ich war ganz freundlich. So freundlich, wie man in solch einer Situation nur sein kann. Nämlich gar nicht.

Ein „pfffft“ zischte bei hochgezogener Augenbraue über seine Lippen. Ob er das einstudiert hat? Meine „wie-reagiere-ich-auf-unverschämte-Kundinnen-Gesichter“, hier: die verächtliche Reaktion? Begleitet von der empörten Aussage: „Na klar, ich kann dann ja auch allen anderen Kunden…“, er zeigte ausladend auf die Menschenkette hinter mir, „ihre Waren zum Auto tragen.“ Mit dem zustimmenden Gegröle der entspannten Massen: „Jaaa, das wäre doch eine Maßnahme!“ hatte er nicht gerechnet. Ich fühlte mich ein bisschen getröstet. Für einen kurzen Moment.

Der aber schnell verging, als die Dame, die mein Geld entgegen genommen hatte, mir einen Vorschlag machte. „Sie geben mir 20 Euro als Pfand, dann können Sie den Trolley mitnehmen.“ Von 180 auf 100 runtergekommen, katapultierte mich mein Innerstes binnen Sekunden auf 220. Tendenz steigend. Dolche schossen aus meinen Augen, als ich gefährlich knurrend die Frage in den überfüllten Verkaufsraum stellte, ob sie der Ansicht sei, ich sei eigens dafür hergekommen, um 30 Liter Farbe zu kaufen und ganz nebenbei den seit Monaten in allen Details ausgeklügelten Plan zu verfolgen, mal eben so und klammheimlich einen Trolley mitgehen zu lassen? Einen Trolley, der mir zu meinem Lebensglück noch gefehlt hat?

Meine Stimme hatte sich unterdessen in hysterische Höhen geschwungen. Die Verkäuferin zeigte sich unbeeindruckt und mir dies durch ein unbeschwertes Achselzucken. Wutbällchen, die auf Ruhe oder gar Ignoranz treffen, entwickeln sich ja eigendynamisch rasant zu einer Wut-Lawine. Bevor diese jedoch ihr beabsichtigtes Ausmaß annahm, lenkte die Verkäuferin ein. Beschwichtigend schlug sie mir vor, ich könne ja auch….ja?…ich könne ja auch meinen Personalausweis da lassen. Sie würde da mal eine Ausnahme machen.

Wahnsinn. Wenn das nicht entgegenkommend war. Ich machte in diesem Augenblick meine erste Blutleere-im-Kopf-Erfahrung. Und entschied mich spontan, nicht zu katapultieren, sondern zu kapitulieren. Legte wortlos und wie ich hoffte mit gefährlich wirkender Ruhe meinen Ausweis ab. Plante meinen würdigen Abgang in Sekundenschnelle. Hoch erhobenen Hauptes. Soweit das als fast tänzelnder, annähernder Gummimensch in höchster Konzentration rückwärts möglich war.

Finale

Zwei Minuten später fand ich mich draußen wieder.  Höchstpersönlich von dem Pffft-Mitarbeiter bis vor die Tür begleitet.  Ich schien irgendetwas von einer Schwerverbrecherin an mir zu haben. Die Trolleys klauen wollte. Und ihre Personalien hinterlassen musste. Komische Welt, diese Baumärkte.  Vielleicht lag es daran? „Bau“ – ein anderes Wort für „Knast“? Die Vermutung liegt nahe.

Blinzelnd schaute ich mich in der Sonne um. Wo war das Auto? Wo war der Haupteingang? Ich war orientierungslos.  Eine orientierungslose Schwerverbrecherin. Mit zu transportierenden Farbeimern. Gummimensch. Tänzelnd. Rückwärts. Habe mich selten so fremd gefühlt.

Und soviel zum Parkplatz direkt vor der Tür. Brummelnd und schnaubend schneckte ich in die vermutete, richtige Richtung. Ärgerte mich. Verfluchte alles und jeden. Haderte mit mir und Gott und der Welt und verkaufsoffenen Sonntagen und Schnäppchen und kranken Männern.

Und genau das war mein Fehler. Der einzige an diesem erlebnisorientierten Nachmittag. Und der schwerwiegendste. Ich war unaufmerksam. Einen winzig kleinen Minimoment lang. Das nahm mir die Farbe übel. Und nahm ihren Lauf. Und zwar die aus dem oberen Eimer, den ich wie in Zeitlupe plötzlich herunter krachen sah. Auf den Asphalt. Das hält der beste Eimer nicht aus. Noch nicht einmal ein Schnäppcheneimer. Der Deckel barst, die Farbe spritzte…ich sank auf die Knie.

Das hätte ich besser nicht tun sollen. Denn nun wischte ich mit meinem Mantel, meinem wohlgemerkt nigelnagelneuen Mantel, den Boden ab. Ich raffte ihn zusammen und griff in die Tasche, um Taschentücher herauszuholen. Dort waren keine. Also holte ich welche aus dem Auto. Die chronologische Reihenfolge der Farbverteilung ist mir nicht mehr im Gedächtnis, aber am Ende sah ich aus wie ein Unschuldsengel oder besser ein Schaf…überall weiß. Und wenn ich sage überall, dann meine ich überall. So sieht man eigentlich nach dem Malern aus, nicht vorher.

Ich erntete mitleidige Blicke. Das half mir natürlich enorm weiter. Solche Blicke gehen ja meist Hand in Hand mit energiegeladener Tatkraft. Die an mir vorbeiging. Bestimmt zwanzig Menschen gingen an mir vorbei. Nächstenliebe hieß hier wohl, ach, ich liebe mal den nächsten. Dich nicht.

Dann liebte ich mich eben selbst. Ich ließ die Farbe Farbe sein und irrte zielstrebig herum. Dabei kam mir der rettende Gedanke: Ich brauchte einen leeren Eimer, in den ich den kaputten stellen konnte. Um die letzte Schnäppchenfarbe in Sicherheit zu bringen. Zeitgleich tauchte mein Retter in Farbnot auf, in Form eines tatsächlich hilfsbereiten Mitarbeiters. Nein! Doch! Ich stammelte in unzusammenhängenden Satzfetzen, was ich von ihm wollte und er verstand mich. Schüttelte mitleidig den Kopf und eilte weg. „Bitte geh nicht“, schrie es in mir, „lass mich nicht alleine.“ Ich war kurz davor, mich an sein Bein zu hängen. Aber die Vernunft siegte und so harrte ich der Dinge, die da kommen werden.

Und sie kamen: mein herzlicher, höchstpersönlicher Mitarbeiter inklusive leerem Gefäß und Müllbeutel. Der mir dann alles abnahm. Bis alles in Sack und Tüten oder besser: Eimer und Tüte sicher im Auto verstaut war. Meine Dankeschöns begleiteten den Helden während seiner Tätigkeit wie der Refrain eines Liedes. Ohne dass ich wirklich sang, das hatte er wahrlich nicht verdient. Und plötzlich war er weg. Ach und ich wollte ihn doch noch küssen und knuddeln und…

Ermattet setzte ich mich hinter das Steuer. Nicht ohne diverse weiße, verräterische Flecken auch im Auto zu bemerken. Wo kamen die bloß alle her? Karnickel vermehren sich langsam dagegen. Egal. Ab zu meinem Freund. Mit reichlich gedämpften Enthusiasmus, wie ich zugeben muss.

Der Rest ist dann doch schnell erzählt. Mein Freund nahm mit stoischer Gelassenheit zur Kenntnis, dass ich das Tagesziel um Längen verfehlt habe und tupfte mir schweigend die Farbe von Mantel, Gesicht, Handtasche, Beinen, Schuhen und so weiter ab. Das einzige, was er sagte, war: „Also, wenn ich dabei gewesen wäre…“ Ich ließ das mal so im Raum stehen.

Fazit

Ich habe einen Plan. Ich klaue mir einen Einkaufswagen und trage jetzt immer ein Notfall-Identifikations-Mäppchen mit Geburtsurkunde, Personalausweis, Impfpass plus Stempelfarbe (für eventuelle Fingerabdrücke) bei mir. Das nächste Schnäppchen kommt bestimmt. Dann bin ich gerüstet. Und mein Freund wird Augen machen. Oder selber Farbe kaufen gehen.

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